Es klingelte. Ich saß breitbeinig auf der Couch und starrte auf den großen runden Polstersitz davor. Dort, wo ich gestern Abend eigentlich meine Beine gechillt hatte hochlagern wollen, lag ein Bogen Papier. Stella, mein Reh …Meinen Blick hatte ich in diese drei Worte gebohrt, um ja nicht noch einmal weiterzulesen.
Es klingelte und klopfte. „Polizei. Bitte öffnen Sie die Tür.“
Ich rührte mich nicht. Ich konnte nicht. Stella, mein Reh …
Meine Unterarme ruhten auf meinen Schenkeln, zwischen den Beinen wölbte sich mein Bauch. Zum ersten Mal kam er mir monströs vor, ein Eindruck, den andere Frauen im Geburtsvorbereitungskurs schon länger von ihren Bäuchen hatten. Ich nicht. Ich hatte meinen immer schön und passend gefunden. Und das lag nicht daran, dass ich eine große Frau mit geraden Schultern war, der ein Babybauch stand. Ich trug dieses Wunder unserer Liebe stolz vor mir her. Aber jetzt war der Bauch da und Falk … nein … nicht …
Schnell spürte ich dem Brennen des Drucks nach, den unser Kind über eine lange stille Nacht hinweg ausgeübt hatte. Ich hörte metallische Geräusche von der Tür her. Gleich würde die Blase platzen, in die ich mich seit dem Vorabend geflüchtet hatte. Schillernd, wabernd wie die Seifenblase eines Gauklers, ein hauchdünnes Trugbild.
Da lag der Bogen. Wertig. Gewichtig. Merkwürdigerweise innerhalb der Blase. Die Zeilen darauf verschwammen leise.
Verzeih mir. Ich kann nicht anders. Ich liebe dich. Meinen Leichnam erspare ich dir.
Die Wohnungstür klackte. Uniformierte quollen ins Zimmer. Ein Getrampel. Ich sah nicht hin, aber es mussten viele sein. Warum? Meinen Leichnam erspare ich dir.
„Frau Schönfeld? Wir haben hier einen Durchsuchungsbeschluss. Können Sie uns sagen, wo Ihr Mann ist?“
Eine Hand griff nach dem Bogen. Die Blase platzte, und mit ihr die, die mein Kind umhüllt hatte.
„Guten Tag, Frau Brenner. Kommen Sie herein. Sie können schon mal ins Wohnzimmer vorgehen. Sie wissen ja, wo das ist. Ich muss nur schnell meinen Sohn fertigwickeln.“
Ha! Das hatte ich doch schon mal gefasst vorgebracht. Sogar mit einer kleinen Spitze.
Die Kommissarin, die in meiner Tür stand, verzog den Mund, stieß den Atem durch die Nase aus und zeigte mit dem Finger auf die halb offene Wohnzimmertür, ehe sie sich dort hinwandte. Ich verschwand im Bad, zog Linus flugs seinen Strampler an und folgte dann der älteren Frau. Es war die Polizistin, die die Wohnungsdurchsuchung geleitet hatte und auch die Ermittlungen gegen Falk führte. Ich hatte sie angerufen und ihr erklärt, dass ich wissen wolle, was eigentlich los sei. Was Falk vorgeworfen würde.
Sie hatte leise und tief gelacht. „Frau Schönfeld, vor allem müssen wir Sie befragen. Das haben wir in Anbetracht dessen, dass Sie gerade Mutter geworden sind, verschoben, aber …“ Dann hatte sie eine Pause gemacht und gesagt: „Wir könnten das bei Ihnen zu Hause erledigen, wenn Sie mit dem Neugeborenen nicht ins Präsidium wollen.“
Darauf war ich gern eingegangen, und deshalb stand die Kommissarin Anja Brenner nun an der Balkontür und schaute auf die Straße, als ich eintrat. Sie trug Stretchjeans, eine unspektakuläre hellblaue Sommerbluse und schicke senffarbene Verlourpumps. Sie drehte sich um. „Na, schon gewachsen, würde ich sagen. Wie heißt er denn?“
„Linus.“
„Alles Gute für Sie und das Kind, Frau Schönfeld.“ Anja Brenners Stimme war tief und weich wie ihr Lachen. Sie strich sich ihre wilden graumelierten Locken zurück. „Darf ich das Aufnahmegerät hier hinstellen?“ Sie wies auf den Esstisch.
Ich nickte. „Das ist das Beste, oder? Da können wir uns gegenübersitzen. Ich hoffe, es stört nicht, dass Linus dabei ist. Aber auf meinem Arm ist er am ruhigsten.“
„Wir werden darauf verzichten, ihn seine Angaben bei der Nennung der Anwesenden persönlich bestätigen zu lassen.“ Die Polizistin lächelte.
Sie macht das gut, dachte ich. Schafft Vertrauen, eine lockere Stimmung. In diesem Augenblick erinnerte sie mich an Falk.
Mit geübten Griffen stellte Frau Brenner ein Mikrofon auf, das sie mit einem altmodischen Aufnahmegerät verband. Sie nannte meinen und ihren Namen, Tag und Zeit, dann holte sie Atem. Das nutzte ich, um ihr zuvorzukommen.
„Was ist eigentlich passiert? Was genau wird meinem Mann vorgeworfen?“
Die Kommissarin ließ den Atem ausfließen und holte noch einmal welchen. „Das wissen Sie nicht?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sie wollen mir sagen, Sie sind kalt erwischt worden?“
Ich zuckte mit den Schultern, Anja Brenner wies auf das Mikrofon.
„Bin ich.“
„Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, sagen wir im letzten Jahr? Hat er sich verändert?“
„Wenn Sie mir sagen würden, was ihm vorgeworfen wird, fällt mir vielleicht was ein.“
Anja Brenner hielt den Kopf schräg. „Grob gesagt ungedeckte Leerverkäufe, Insiderhandel, Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz, Paragrafen 14, 38 und andere, sowie gegen die Marktmissbrauchsverordnung.“
Insiderhandel, das hatte ich schon von Falks Vater gehört. Und was auch immer ungedeckte Leerverkäufe waren, das würde ich später googeln.
„Insiderhandel. Das heißt, mein Mann soll für den Aktienhandel Informationen genutzt haben, die er nicht hätte haben dürfen?“ Ich formulierte es wohlweislich als Frage. Es ließ mein Herz klopfen, mich auf Falks Seite zu schlagen, zu ihm zu halten, wie seit ich denken konnte. Es war vertraut, es verlieh mir Stärke und Sicherheit. Hübsches Trugbild, ätzte eine Stimme in meinem Hinterkopf. Beinahe hätte ich „Klappe“ gesagt, konnte mich geradeso zurückhalten. Ich wurde wohl langsam echt wunderlich mit meinen Selbstgesprächen.
„Genutzt und beschafft“, konkretisierte die Ermittlerin. „Kennen Sie Daniel Berg?“
„Daniel … Falks Studienfreund.“ Die beiden hatten schon als Studenten getradet, und zwar erfolgreich, wie ich wusste. Falks Eltern hatten ihn kaum unterstützt, und in Frankfurt war mit BAföG kein Blumenpott zu gewinnen. Ich als Lehrling hatte wenig beisteuern können, aber Falk hatte immer Geld gehabt, sogar für unsere ersten weiten Reisen.
„Was wissen Sie über die beiden?“
„Sie haben zusammen gelernt.“ Ich überlegte, wie zurückhaltend und wie offen ich sein sollte. Aus meinen Gedanken heraus fügte ich hinzu: „Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum Sie überhaupt noch ermitteln, mein Mann ist doch tot. Warum wollen Sie ihn in den Schmutz ziehen? Davon hat niemand was, aber für unser Kind ist das schlecht. Warum stellen Sie das Verfahren nicht ein?“
„Einesteils, weil Ihr Mann zwar verschwunden ist, wir ihn aber bisher nicht gefunden haben. Verzeihen Sie, das ist vermutlich schwer für Sie zu hören. Solange wir keine Leiche haben, gilt er nicht als tot.“
Ich spürte wieder die leichte Wärme unter dem Karneol an meinem Armband. Ich hängte mir Linus über die Schulter und fühlte mit der anderen Hand nach. Als ich außen über die geschliffenen Steine strich, waren sie alle kühl. Mit meinem feinen Sinn erfasste ich nur die unterschiedliche Härte in der Verschlossenheit der Oberflächen.
„Zudem hat er vermutlich nicht allein gehandelt“, fuhr die Kommissarin fort. „Wissen Sie, wo Herr Berg jetzt arbeitet?“
„In den USA, da ist er gleich nach dem Studium hingegangen.“ Diese Information hatte die Polizei mit Sicherheit sowieso.
Anja Brenner lächelte nachsichtig. „Wissen Sie es auch genauer?“
„Westküste. San Francisco. Nein, irgendwo weiter im Inland.“ Das war jetzt schon die dritte Frage zu Daniel. Er musste mit drinhängen.
„Ich meine, bei welcher Firma er arbeitet.“
Ich schüttelte den Kopf. „Irgendwas mit Finanzen, vermutlich, wenn Sie mich nach ihm ausfragen. Genau wie Falk. Sie hatten sich beide auf Finanzwirtschaft spezialisiert.“ Ich beschloss, deutlicher zu machen, dass mir das Verhör nicht gefiel. „Warum fragen Sie mich das? Das wissen Sie doch vermutlich alles besser als ich.“
„Kennen Sie Harald Grothe?“
„Nein“, log ich und legte Ärger in meine Stimme. Grothe, der gehörte irgendwie zu Daniels Familie. Und er war Bankvorstand. Ein unangenehmer Mann. Den musste ich wirklich nicht kennen.
„Ich komme noch einmal zu meiner Frage vom Anfang zurück. Ist Ihnen im Laufe des letzten Jahres irgendetwas an Ihrem Mann aufgefallen? Dass er anders war?“
Betroffen erinnerte ich mich an etwas, aber es war schon länger her und betraf eher Falk und mich selbst. Den Teufel würde ich tun und es erzählen. Ich stand auf. „Ich muss einen Schluck Wasser trinken. Wollen Sie auch?“
Anja Brenner nickte. „Soll ich helfen?“
„Danke, ich bin schon geübt mit einem Arm.“ Ich füllte in der Küche zwei Gläser mit Mineralwasser, die Kommissarin kam mir nach und nahm beide mit ins Wohnzimmer. Ich selbst musste außer Linus nichts tragen. Zum ersten Mal wurde ich entlastet. Ich hätte fast geheult deswegen. Reiß dich zusammen!
Am Tisch trank ich mehrere Schlucke, um Zeit zu gewinnen, mich zu sammeln, dann sagte ich: „Mir ist nichts aufgefallen. Falk war manchmal k. o., wenn er von der Arbeit kam. Er meinte, er müsse hoch konzentriert sein und oft schnell entscheiden. Er ist aufgestiegen, hat mehr Verantwortung bekommen, na ja … ich kann mich an nichts erinnern, was irgendwie herausgestochen hätte.“
„Hat er oft über seine Arbeit gesprochen?“
„Gegenfrage: Was sind ungedeckelte Leerverkäufe?“
Ein Mundwinkel der Kommissarin zuckte. „Ungedeckte Leerverkäufe. Wenn jemand eine Aktie verkauft, die er zunächst nur geliehen hatte, ist das ein Leerverkauf. Er spekuliert auf das Sinken der Aktie zwischen Leihen und Verkauf. Ungedeckt ist der Leerverkauf dann, wenn sich der Verkäufer zum Zeitpunkt des Verkaufs noch kein Eigentum an der Aktie verschafft hat.“
„Und das soll Falk gemacht haben?“ Ich zog möglichst ungläubig die Augenbrauen zusammen.
„Sieht so aus. Kombiniert mit dem Wissen, dass die Aktien fallen würden, US-amerikanische vor allem.“
„Ah, da kommt also Daniel ins Spiel in Ihrer Theorie. Stimmt’s?“
„Ihr Mann war die Verbindung zwischen Daniel Berg und Harald Grothe, dessen Unterschrift er nach unseren Kenntnissen gefälscht hat.“
„Mein Mann war nicht …“ Stopp, warnte ich mich und kniff Linus schnell in den Oberschenkel. Der schrie auf und zappelte. „Was ist denn? Ist ja gut“, gurrte ich. Ich hoffte, den Abbruch des Satzes damit tarnen zu können, dass ich ihn beruhigte. Ich stand auf und wiegte ihn. Ob ich Falk irgendwie raushauen konnte?
„Warten Sie mal, Harald Grothe, jetzt fällt mir was ein. Ich kenne den Mann vielleicht doch. Jedenfalls einen Herrn Grothe. Eher klein und älter, das weiß ich noch.“ Ich tat so, als würde ich nachdenken.
Anja Brenner sah mich aufmerksam an.
„Also wenn er das ist, ist er ein Verwandter von Daniel. Ich habe ihn auf Daniels dreißigstem Geburtstag kennengelernt. Er war betrunken und hat mir sein halbes Glas übers Kleid geschüttet. Und sich dann mit einem Hunni für die Reinigung entschuldigt. Unangenehmer Mann. Und den soll Falk gekannt haben?“
„Er ist im Vorstand der Bank.“
„Na dann hat er doch nicht mit Falk zu tun gehabt.“ Ich schüttelte möglichst ungläubig den Kopf.
„Daniel Berg und Harald Grothe sind verwandt?“
„Jedenfalls gehört irgendein Herr Grothe zur Familie, er hing auf der Party mit Daniels Eltern rum. Vielleicht sind sie auch nur befreundet.“
„Sie wollen mir sagen, dass Ihr Mann nicht das Bindeglied zwischen Berg und Grothe ist.“
Genau das will ich. Aber noch mehr wollte ich, dass du selbst draufkommst. Ich schwieg und wechselte Linus in Bauchlage auf meinen Unterarm. Das konnte er nicht besonders leiden, und ich lagerte ihn normalerweise nur kurz so, wenn ein wenig Druck auf den Bauch nötig war, um die mitgeschluckte Luft als Bäuerchen zu entlassen.
„Auf dieser Geburtstagsparty – haben sich Ihr Mann und Harald Grothe da unterhalten?“
O ja, hatten sie. Und das war genau der Moment gewesen, an den ich mich zu Beginn des Gesprächs schon einmal erinnert hatte.
„Nicht dass ich wüsste. Aber ich war eine Zeit lang im Bad, um mein Kleid zu säubern.“
Linus fing erwartungsgemäß an zu greinen. Ich schuckelte ihn, was ihm noch weniger gefiel. Er schrie los. Schnell nahm ich ihn hoch, quälen wollte ich ihn nicht. Das hast du nicht verdient, Falk, dass ich unseren Sohn für dich quäle, dachte ich bitter. Laut sagte ich: „Es tut mir leid, aber ich muss mich jetzt um Linus kümmern. Haben Sie noch Fragen?“
„Nein, erst mal nicht. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“
Anja Brenner wollte das Aufnahmegerät ausschalten, aber ich beugte mich noch einmal zu dem Mikrofon.
„Nur fürs Protokoll. Mein Mann würde niemals eine Unterschrift fälschen. Das glaube ich nicht. Nie und nimmer.“ Ich richtete mich wieder auf. „So, jetzt können Sie ausschalten.“
Aber Anja Brenner zögerte. „Würde niemals? Gegenwart? Frau Schönfeld, lebt Ihr Mann?“
Mir blieb die Luft weg. Beinahe hätte ich Linus fallen lassen. Ja, es entsprach meinem Gefühl, dass Falk lebte. Aber das war das Letzte, was ich der Kommissarin vermitteln wollte. Ich ging zum Sofa und kauerte mich dort zusammen. Dabei geriet Linus erneut in eine Lage, die ihm nicht gefiel, diesmal unbeabsichtigt. Er weinte wieder.
„Gehen Sie“, sagte ich leise und merkte, wie mir die Tränen kamen. „Und entschuldigen Sie vielmals, dass ich mich noch nicht an Falks Tod gewöhnt habe.“
Ich musste hier weg. Oder vielmehr musste die Beamtin verschwinden, raus aus unserer Wohnung. Unserem Schutzraum. „Gehen Sie“, sagte ich noch einmal. „Sie finden ja allein raus.“ Damit stand ich gehetzt wieder auf, flüchtete ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter mir. Ich lehnte mich daran, beruhigte mein weinendes Baby, wobei sich meine und seine Tränen an meiner Wange vermischten. Unser ganzes Elend seit Falks Verschwinden floss zusammen, und irgendwie war das tröstlich.
Nach einer Weile hörte ich, wie die Wohnungstür sanft ins Schloss gedrückt wurde.
„Entschuldige Linus, bitte entschuldige, dass ich dich gekniffen habe. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich musste deinen Vater verteidigen“, raunte ich meinem Sohn schluchzend zu. Dann dachte ich an ein – im Gegensatz zu der Geschichte mit dem vollgekleckerten Kleid – wahres Erlebnis an Daniels dreißigstem Geburtstag.
Musste ich wirklich?
Daniel war ein Dreivierteljahr älter als wir. Er feierte seinen dreißigsten Geburtstag im Sommer 2019 in Königstein bei seiner Familie mit einer Gartenparty, und natürlich war Falk, sein bester Freund aus Studienzeiten, samt Frau eingeladen.
Die beiden prahlten einander was vor, Daniel bewegte bei „seinem“ Pensionsfonds in Kalifornien gefühlt Milliarden, Falk setzte bei seinen HNWIs hier und da ganz umkompliziert mal schnell zwischendurch Millionen um. Mit diesen High Net Worth Individuals – Kunden, die stets mindestens eine Million Franken zum Spielen freihaben, wie er mir erklärt hatte – arbeitete er noch nicht lange, und er war stolz darauf.
Dieses Spielchen, wer den Längsten hat – echt überflüssig. Jungs eben. Bei einem Blick über den Rasen entdeckte ich Ute und Thomas und verdünnisierte mich. Irgendwann winkte mich Falk wieder hinüber, inzwischen stand ein kleiner älterer Mann bei Daniel und ihm. Das Geburtstagskind stellte uns einander vor: Harald Grothe war sein Patenonkel, Vorstand bei Falks Bank. Ich erinnerte mich. Falk hatte mir von ihm erzählt. Der Mann hatte ihn gleich auf der Examensfeier abgefischt.
„Ihnen hat Falk seinen Job zu verdanken“, sagte ich höflich.
„Ihn einzustellen habe ich nie bereut“, sagte er. „Ihr Mann ist ehrgeizig und hungrig. Sind Sie beruflich auch eingebunden?“
Die Frage in einem Tonfall, als ob das abwegig wäre. Und überhaupt: Färbte der Mann sich dunkle Strähnen in sein Weiß, damit er jünger wirkte? Eindeutig. Na warte, du Macho.
„Ich bin nicht blond, ich bin nicht siebzehn, und ich bin seine erste Frau, also ja. Ich bin Goldschmiedin.“ Ich sagte es mit einem Lachen, aber Falk sah trotzdem erschrocken aus und warf mir einen warnenden Blick zu.
Grothe lachte. „Na, das passt doch. Ihre Frau hat Humor, Herr Schönfeld. Dann wissen Sie ja mit Werten was anzufangen“, wendete er sich wieder an mich.
Ich zuckte die Schultern. Was sollte das heißen?
Er griff nach meiner Hand, und ich hatte Mühe, dem Impuls zu widerstehen, sie ihm zu entziehen. An meinem Finger blitzte ein sündhaft exklusiver Brillant. Meine Chefin Gunda hatte ihn mir gegeben. „Wedel auf der Feier damit herum, bei einem Gartenfest in einer Königsteiner Villa sind meistens potenzielle Kundinnen zugegen.“
„Apropos Werte. Ein Erbstück?“
„Nein, Werbung“, sagte ich.
Er seufzte gespielt. „Fünfstellig? Sechsstellig?“
„Sechsstellig.“
„Er steht Ihnen. Hätten Sie ihn gern?“
O Mann. Geht’s noch? Ich würde niemals privat so teuren Schmuck tragen, aber das durfte ich natürlich nicht sagen.
„Reflexion, Lichtbrechung, Lichtstreuung, alles perfekt. Ein meisterlicher Schliff“, fachsimpelte ich stattdessen.
„Wissen Sie, Frau Schönfeld“, er machte eine Kunstpause, als müsse er nachdenken. „Ihr Mann ist risikobereit, wie es ein guter Banker sein muss. Er hat es nicht mehr weit dahin, Ihnen einen solchen Ring zu kaufen, jedenfalls nicht, wenn Sie ihm einen leichten und glücklichen Hintergrund verschaffen. Ihm den Rücken freihalten. Das braucht er nämlich. Rückendeckung zu Hause ersetzt die fehlende bei interessanten Geschäften.“
Du bist hier echt im falschen Film. Aber ehe mir etwas nicht Moralinsaures zu Gleichberechtigung und Emanzipation einfiel, hielt Grothe meine Hand hoch und fragte Falk: „Sie wollen Ihrer Frau doch was bieten, oder?“
„Klar“, sagte Falk, und ich hielt still, obwohl ich am liebsten ausgeholt hätte, um diesem Kerl eine Ohrfeige zu verpassen. Lächelte brav, um meinem Mann seine Karriere nicht zu verderben.
Da erscholl ein Sommerhit aus den Boxen, und Falk nahm meine Hand aus der Harald Grothes und zog mich weg. Er tanzte mit mir, ließ mich vor sich kreisen, fing mich ein und küsste mich. Er sah glücklich aus. But every touch is ooh-la-la-la. It’s true, la-la-la. Ooh, I should be runnin’
Ich brachte es nicht übers Herz, mit ihm darüber zu reden, dass ich ein ganz schlechtes Gefühl hatte. Das Gefühl, dass wir diesen Grothe zwischen uns gelassen hatten. Den Eindruck, dass Falk zu glücklich darüber war, auf der Erfolgsspur zu sein. Aber wer war ich, ihm das madigzumachen?
Ooh, you should be runnin’.
Ich stand an der Schlafzimmertür, und mein Unterleib begann zu brennen. Linus war eingeschlummert. Langes Stehen mit ihm auf dem Arm tat mir noch nicht gut. Um mich hinzulegen, war ich allerdings zu unruhig. War ich mit schuld? Was hatte dieser Grothe damals im Schilde geführt?
Ich öffnete die Tür mit dem Ellbogen und ging durch die Wohnung. Das alte Parkett knarrte leise. Die Kommissarin hatte die beiden Wassergläser in der Küche auf die Arbeitsplatte gestellt. Zwei Gläser, so wie früher, als ob Falk noch da wäre. Mir kamen die Tränen, mein Bauch brannte wie Feuer. Es half nichts, ich musste mich hinlegen. Vorher fasste ich jedoch einen Entschluss.
PalmArtPress, Berlin 2025
© Ulla Mothes
Roman: Ich spüre dich leben
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Und je tiefer sie kam, desto gleißender wurde der Himmel, und das war noch nie so gewesen.
[ Seiltänzerin mittendrin ]
Berlin, 2025
PalmArtPress
ISBN: 978-3-96258-203-6
Falk entzieht sich der Überführung als Betrüger in seinem Job als Investmentbanker mit einem Abschiedsbrief an seine hochschwangere Frau. Allein, überfordert mit dem Baby verzweifelt Stella an der Frage: Hat er ihre Liebe wirklich verraten? Sie kann nicht glauben, dass er tot ist, flüchtet sich in einen Verschwörungsglauben: ihr Mann, abgefischt von Mächtigen, die sein Talent benutzen.
Als es sie nach Sansibar verschlägt, eine Insel, auf der Menschen von überallher ihr Wissen hinterlassen haben, lernt sie, Unwiederbringliches zu betrauern. Und im Zuge dessen begreift sie, was wirklich geschehen ist …
Eine Welt, die einem über den Kopf wächst. Ein Gefühl der Machtlosigkeit, das sich breitmacht. So etwas spüre ich derzeit bei mir und anderen und habe deshalb meine Protagonisten in solch eine Überforderung hineingeführt. Ihre Welt bricht zusammen. Sie flüchten in allzu leichte Lösungen. Sie in eine Verschwörungstheorie, er taucht ab.
Wie findet man nach einer solchen Flucht zu sich zurück? Und letztlich: Wie zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Welt? Das wollte ich ergründen.
Ulla Mothes
Ulla Mothes